Seine „Surprise Theses“ standen für eine besondere Form der Kapitalmarktanalyse: Nicht als Prognose im engen Sinn, sondern als strukturierte Einladung zum Umdenken – Als Byron Wien 2023 im Alter von 90 Jahren starb, hatte er die Wallstreet als Finanzanalyst, Stratege und Voraus- und Um-Denker über Dekaden geprägt. Nach einer langen Karriere bei Morgan Stanley wechselte er 2009 im zarten Alter von 76 Jahren zu Blackstone, wo er bis zu 2023 seine legendären „Surprise Theses“ veröffentlichte. Er verstand es wie kaum ein anderer, den Blick von kurzfristigen Markterwartungen zu lösen und stattdessen jene Entwicklungen zu identifizieren, die plausibel, aber vom Konsens unterschätzt waren. Seine Thesen waren nie provokativ um der Provokation willen. Sie waren faktenbasiert, diszipliniert und stets im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Kapitalmärkten verankert. Gerade darin lag ihre Kraft: Sie halfen Investoren, Risiken und Chancen vor dem Eintreten zu reflektieren – nicht danach.
CREDION knüpft seit mehreren Jahren bewusst an diese Tradition an. Nicht, um Vorhersagen zu machen, sondern um Denkrahmen zu öffnen. Auch heute nutzen wir ihn als Inspiration, um unsere eigene Sicht auf die globale Wirtschaft, politische Rahmenbedingungen und finanzielle Stabilität zu schärfen. Denn nachhaltige Kapitalallokation entsteht nicht aus Gewissheit, sondern aus informierter Skepsis. Oder, in Byron Wiens Geist gedacht: „Der größte Fehler ist nicht, falsch zu liegen – sondern die falschen Fragen zu stellen.“
1. „Die Weltwirtschaft wird nicht kippen – aber sie wird zähflüssig.“
2026 wird kein Jahr des globalen Abschwungs, aber auch keines der Beschleunigung. Die Weltwirtschaft schaltet in einen niedrigeren Gang. Nach den Schocks der vergangenen Jahre – Pandemie, Energiekrise, Zinsschock – setzt sich eine fragile Stabilität durch. Wachstum bleibt vorhanden, getragen von Dienstleistungen, staatlichen Ausgaben und Teilen der Schwellenländer, doch es fehlt an Produktivitätsimpulsen und Investitionsdynamik. Internationale Organisationen wie der International Monetary Fund und die Organisation for Economic Co-operation and Development verorten das globale Wachstum für 2026 klar unter Potenzial – stabil, aber unspektakulär.
In einem solchen Umfeld gewinnen Unternehmen mit Preissetzungsmacht, Kostenkontrolle und soliden Bilanzen. Wachstum wird nicht mehr verziehen, es muss finanziert und verdient sein.
2. „Inflation fällt – aber der letzte Kilometer ist der härteste.“
Die große Inflationswelle ebbt weiter ab, doch der Weg zurück zur geldpolitischen Komfortzone bleibt holprig. Während Energie- und Warenpreise sich normalisieren, bleibt der Preisdruck im Dienstleistungssektor hoch – getrieben durch Löhne, Regulierung und strukturelle Knappheiten. Projektionen der European Central Bank zeigen für 2026 eine Headline-Inflation nahe dem Zielwert, während die Kerninflation hartnäckiger bleibt.
Zentralbanken gewinnen Spielraum, verlieren aber nicht die Vorsicht. 2026 wird daher weniger eine lineare Zinssenkungsstory, sondern ein Jahr erhöhter Zins- und Erwartungsvolatilität. Die Finanzierungsbedingungen bleiben selektiv.
3. „Das Tariff-Theater wird zur neuen Normalität – nicht zum Ausreißer.“
Handelskonflikte verlieren ihren Überraschungseffekt. Zölle, Exportkontrollen und industriepolitische Eingriffe werden zum dauerhaften Bestandteil der globalen Wirtschaftsordnung. Institutionen wie die OECD und der IWF verweisen auf eine dauerhaft erhöhte handelspolitische Unsicherheit, die Investitionsentscheidungen belastet – ohne den Welthandel abrupt zu stoppen.
Unternehmen reagieren rational: mehr Lagerhaltung, mehr Lieferanten, mehr regionale Redundanz. Das erhöht Resilienz, senkt aber Effizienz. Globalisierung wird nicht beendet, sondern verteuert.
4. „Europa erlebt eine stille Rotation: Peripherie wird Core.“
Der traditionelle Risikoabschlag für Südeuropa erodiert weiter. Länder wie Spanien und Italien, aber auch Griechenland profitieren von fiskalischer Disziplin, institutionellen Reformen und moderater Inflation. Enge Staatsanleihe-Spreads – wie sie etwa von der Financial Times dokumentiert werden – spiegeln diesen Vertrauensgewinn wider.
Kapitalallokation in Europa wird rationaler. Investoren schauen weniger auf geografische Etiketten, stärker auf Primärsalden, Reformpfade, Demografie und Energieabhängigkeit. Europa bleibt kein Wachstumsstar, aber ein Stabilitätsanker.
5. „AI ist 2026 kein ‘Tech’-Thema mehr – sondern ein Kredit-Thema.“
Der KI-Boom tritt in eine neue Phase ein. Nach Euphorie und Visionen rücken Kapitalintensität und Finanzierung in den Vordergrund. Massive Investitionen in Rechenzentren, Chips und Energie treiben den Verschuldungsbedarf – was sich bereits in hohen Anleiheemissionen großer Tech-Konzerne widerspiegelt.
2026 wird zum Jahr der Selektion. Gewinner sind jene, die KI monetarisieren können. Verlierer bleiben Story-Assets ohne belastbaren Cashflow. Kreditmärkte werden zum stillen Schiedsrichter des KI-Zyklus.
6. „Energiepolitik wird Industriepolitik.“
Der Ölmarkt bleibt relativ ruhig, getragen von moderatem Nachfragewachstum. Gleichzeitig verschiebt sich der energiepolitische Fokus: Strompreise, Netzinfrastruktur und staatliche Subventionen entscheiden zunehmend über industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Die International Energy Agency erwartet für 2026 kein Nachfragefeuerwerk, sondern strukturelle Verschiebungen.
Wettbewerbsvorteile entstehen nicht am Rohstoffmarkt, sondern bei Stromkosten, Netzanschlüssen und Genehmigungsfähigkeit. Energiepolitik wird Industriepolitik.
7. „China wird 2026: Vom dynamischen Treiber zum kalkulierbaren Faktor“
China stabilisiert sich, ohne zu alter Dynamik zurückzukehren. Der Umbau weg von Immobilien und kreditgetriebenem Wachstum verläuft kontrolliert, aber wachstumsdämpfend. Prognosen auf IWF-Basis deuten auf ein strukturell niedrigeres Wachstum hin.
China bleibt relevant für das globale Wachstum, verliert aber seine Rolle als zyklischer Taktgeber. Rohstoff- und Luxusmärkte reagieren zunehmend differenziert. Süd- und Südostasien gewinnen strategisch an Bedeutung.
8. „Japan wird das Labor für ‘Stimulus in der Schulden-Realität’.“
Japan kombiniert expansive Fiskalpolitik mit einer extrem hohen Staatsverschuldung. 2026 zeigt sich, wie weit staatliche Stimuli tragen, bevor der Anleihemarkt höhere Renditen einfordert. Eine Gratwanderung zwischen Wachstum und Marktdisziplin.Japan wird zum globalen Testfall: Wie lange tolerieren Märkte schuldenfinanziertes Wachstum, bevor Risikoaufschläge steigen?
9. „Klimarisiko wird 2026 von ‘ESG’ zu ‘Versicherung und Staatsfinanzen’ umetikettiert.“
Extremwetter ist kein neues Phänomen – neu ist die systemische Dimension der Finanzierung. Versicherungsprämien steigen, Rückversicherungskapazitäten werden knapper, staatliche Garantien häufiger. Parallel bereiten sich Politik und Wirtschaft auf regulatorische Verschärfungen vor. 2026 ist ein Übergangsjahr. Klimarisiken werden konsequent bepreist – wer sie ignoriert, wird später korrigiert.
10. „Politik wird 2026 weniger ideologisch, mehr ‘Balance-Sheet’.“
Trotz polarisiertem Diskurs handeln Regierungen zunehmend bilanziell. Verteidigungsausgaben, Infrastruktur und demografische Lasten setzen harte finanzielle Grenzen. Die OECD beschreibt ein Umfeld, in dem fiskalische Spielräume begrenzt bleiben, während geopolitische Risiken zunehmen. Für Märkte zählt weniger politische Rhetorik, mehr fiskalische Tragfähigkeit. Die Schlüsselfrage lautet: Wer kann sich welche Politik leisten – und zu welchem Zinssatz?
2026 wird kein Jahr der Extreme, sondern der Disziplin. Nicht die lautesten Narrative, sondern die leisen Fakten entscheiden. – Tobias M. Weitzel
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10.12.2024